Helfen, aber wie?

Ob Lehrkräfte, Kindergärtnerinnen, Jugendbetreuer oder Verwandte:Viele Menschen sind mit Kindern alkoholkranker Eltern konfrontiert und möchten helfen. Wichtig ist dabei, mit Fingerspitzengefühl vorzugehen.

Signale wahrnehmen

Sozialer Rückzug, Aggressivität und Provokation, extreme Angepasstheit, Schlaf- und Konzentrationsprobleme, Verschlossenheit, ständige Blödeleien („Klassenkasperl“), Leistungsabfall, Ängstlichkeit: All das können Hinweise sein, dass es einem Kind nicht gut geht. Bei Jugendlichen können zusätzlich Alkohol- oder Drogenmissbrauch, Essstörungen oder Ausreißen von daheim Signale sein. Wenn Sie solche Symptome erkannt haben, handeln Sie nicht überstürzt, sondern nehmen Sie sich Zeit zur Reflexion. Beobachten Sie das Kind weiter und besprechen Sie Ihre Wahrnehmungen mit Kolleginnen und Kollegen. Das hilft, Beobachtung und persönliche Interpretation zu unterscheiden. Eine voreilige Einordnung der Probleme ist nicht sinnvoll: Das Verhalten kann ein Alkoholproblem in der Familie als Auslöser haben, aber auch ganz andere Hintergründe sind möglich.

Das Gespräch suchen

Wenn Sie mit dem Kind oder Jugendlichen reden, bereiten Sie dieses Gespräch gut vor. Sprechen Sie nur das an, was Ihnen selbst aufgefallen ist und senden Sie „Ich-Botschaften“, zum Beispiel: „Mir fällt auf, dass…“ oder „Ich mache mir Sorgen, weil…“. Sprechen Sie zunächst jene Themen an, die im Umfeld, in dem Sie arbeiten, relevant bzw. offensichtlich sind. Das können in der Schule etwa Leistungsabfall oder ständige Provokationen sein, im Kindergarten Desinteresse am Spielen, in der Jugendbetreuung aggressives Verhalten oder starker Alkoholkonsum etc. Passen Sie das Gespräch dem Alter des Kindes an und fragen Sie in erster Linie, wie es ihm geht und weniger nach den Gewohnheiten der Eltern.

Geduld haben

Erwarten Sie nicht, dass das Kind sofort mit den Hintergründen, warum es ihm schlecht geht, herausrückt. Gerade Kinder und Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien müssen oft mit Enttäuschungen und gebrochenen Versprechen fertig werden. Da braucht es viel Zeit, um Vertrauen aufzubauen und sich zu öffnen. Drängen Sie das Kind zu nichts; wenn es nicht reden will, muss man das akzeptieren. Wenn es aber von sich aus erzählt, nutzen Sie die Gelegenheit und hören Sie zu, verschieben Sie das Gespräch nicht.

Vorsicht mit Diagnosen

Aussagen wie "Ich hab’ gehört, dass Dein Papa trinkt" oder "Hat bei Dir daheim jemand ein Problem mit Alkohol?" sind kontraproduktiv und lösen häufig Widerstände aus; das gilt auch für das Gespräch mit den Eltern. Kinder aus alkohol- bzw. suchtbelasteten Familien lieben ihre Mütter und Väter trotz allem. Sie könnten das Gefühl haben, sie zu verraten oder zu blamieren, wenn das Thema Alkohol zu direkt angesprochen wird. Dazu kommen eigene Schuld- und Schamgefühle, die eine Alkoholkrankheit zum großen Familientabu machen. Das Schweigen dient auch als Selbstschutz, den man den Kindern nicht überstürzt entreißen sollte.

Thema Alkohol einfühlsam besprechen

Wenn die Situation günstig ist, über das Alkoholproblem in der Familie zu reden, sind Einfühlungsvermögen und aktives Zuhören sehr wichtig. Folgende Gesprächsinhalte können jetzt hilfreich sein:

  • Das Kind in seiner Einschätzung bestätigen, dass die Situation schwierig und belastend ist und ihm versichern: "Du bist nicht allein. Viele Kinder leiden unter demselben Problem."
  • Dem Kind klar machen, dass Alkoholabhängigkeit eine Krankheit ist, die es nicht heilen kann und für die es auf keinen Fall Verantwortung trägt: "Du bist nicht schuld".
  • Das Kind ermutigen, über Ängste, Gefühle und Sorgen zu sprechen.
  • Ratschläge für schwierige Situationen geben:Was mache ich im Notfall? Wen kann ich anrufen?
  • Das Kind ermuntern, auf seine eigenen Bedürfnisse zu achten: Freunde treffen, den Hobbys nachgehen, Sport betreiben….etc.

Verlässliche Bezugsperson sein

Auch wenn es mit dem Kind nie zu einem Gespräch über das Alkoholproblem in der Familie kommt, können Sie helfen – allein schon dadurch, dass Sie ihren Job in Schule, Kindergarten, Jugendzentrum, Sportverein etc. engagiert machen, eine liebevolle Familienfreundin oder ein Onkel „zum Pferdestehlen“ sind. Für die Kinder ist es oft schon eine große Hilfe, wenn sich jemand dauerhaft für sie interessiert, sie ernst nimmt und ihr Selbstwertgefühl fördert.

Professionelle Hilfe holen

Zögern Sie nicht, sich selbst bei Beratungsstellen zu informieren bzw. bei Bedarf Hilfsangebote zu vermitteln (Alkohol- oder Familienberatungsstellen, Selbsthilfegruppen für Angehörige…etc.). Die Zusammenarbeit mit Hilfseinrichtungen oder den Jugendbehörden ist vor allem wichtig, wenn das Kind Opfer von Gewalt ist. In einem solchen Fall soll man nicht wegschauen! Denken Sie aber an Ihre eigenen Grenzen: Sie können in Ihrem Rahmen unterstützen; Therapie, Beratung oder Zwangsmaßnahmen bei Gewalt sind jedoch die Aufgabe von ausgebildeten bzw. befugten Fachleuten.