Theorieansätze: Wie kann das Problem verstanden werden?

 
Es existieren zahlreiche Theorien zur Erklärung der Entstehung und Aufrechterhaltung von Alkoholproblemen. Darüber hinaus gibt es eine Reihe theoretischer Ansätze und Perspektiven, die sich mit den Auswirkungen elterlicher Alkoholprobleme auf Kinder beschäftigen und Erklärungsmodelle bieten. Das ENCARE-Netzwerk bevorzugt weder die eine noch andere Perspektive. Es kann jedoch hilfreich sein, die grundlegenden theoretischen Perspektiven zu kennen, die dazu beitragen, die Auswirkungen elterlicher Alkoholprobleme auf Kinder besser zu verstehen.
 

Bewältigungs- oder Copingperspektive

Kinder aus alkoholbelasteten Familien befinden sich in einer schwierigen Situation. Ihre Eltern verhalten sich merkwürdig und für sie unverständlich, häufig kann es sogar zu Kindesvernachlässigung und -misshandlung kommen. Die betroffenen Kinder versuchen diese widrigen Lebensumstände so gut es geht zu bewältigen. Eine wichtige Rolle spielen dabei so genannte Coping- oder Bewältigungsstrategien. Heute weiß man, dass die Auswirkungen belastender Ereignisse oder Lebenssituationen nicht nur von der objektiven Schwere der Belastung abhängen, sondern auch von den Möglichkeiten, die einer Person zur Bewältigung der Situation zur Verfügung stehen. Copingstrategien können sich direkt auf das vorhandene Problem beziehen (problemzentrierte Bewältigung) oder auf die emotionalen Folgen des Problems (emotionszentrierte Bewältigung). Copingstrategien sind z.B. Austausch mit anderen Personen, sich Hilfe holen, Entspannung, Ablenkung, Problemlöseverhalten, aber auch sozialer Rückzug und Vermeidung. Nicht alle Copingstrategien sind gleichermaßen erfolgreich. Der Einsatz verschiedener Copingstrategien hängt zudem vom Alter und Geschlecht des Kindes ab.
 

Co-Abhängigkeitsperspektive

Diese Perspektive geht davon aus, dass sich elterliche Alkoholprobleme in jedem Fall deutlich negativ auf die betroffenen Kinder auswirken: Sie entwickeln bereits während ihrer Kindheit ernsthafte Auffälligkeiten, die bis ins Erwachsenenalter hinein bestehen bzw. sich weiter verstärken. In enger Verbindung damit steht der Co-Abhängigkeitsperspektive zufolge die Entwicklung von Substanzmissbrauch im (jungen) Erwachsenenalter sowie die Aufbau von (Partnerschafts-)Beziehungen zu anderen Personen mit Abhängigkeitsproblemen. Co-Abhängigkeit wird häufig als eigenständiges Krankheitsbild angesehen, das sich als Beziehungsstörung ausdrückt und auch unabhängig vom Substanzmissbrauch eines Angehörigen besteht. Der Begriff Co-Abhängigkeit wird von vielen Selbsthilfe- und Angehörigengruppen verwendet, z.B. von Initiativen erwachsener Kinder von Alkoholikern (im angloamerikanischen Sprachraum: Adult Children of Alcoholics, ACOA).
 

Familiensystemische Perspektive

Der familiensystemischen Perspektive zufolge sind die gesamte Familiendynamik und -struktur an der Entstehung und Aufrechterhaltung eines Alkoholproblems beteiligt, auch wenn es nur bei einem einzelnen Familienmitglied, dem so genannten „Symptomträger“, auftritt – in diesem Fall der Elternteil mit Alkoholproblem. Wie sich das Kind innerhalb der Familie verhält und reagiert ist Bestandteil des Familiensystems und kann folglich nicht isoliert betrachtet werden. Von zentraler Bedeutung ist das Wechselspiel zwischen dem alkoholbelasteten Elternteil und den anderen Familienmitgliedern. Eine familiensystemisch orientierte Therapie zielt folglich nicht ausschließlich auf den isolierten Symptomträger, sondern auf das gesamte Familiensystem.
 

Biologische Perspektive 

Der biologischen Perspektive zufolge besteht für Kinder von Eltern mit Alkoholproblemen ein spezifisches genetisches Risiko für die Entwicklung von psychischen und Verhaltensstörungen in der Kindheit. Hinzu kommt ein genetisches Risiko für die Entwicklung einer eigenen Substanzabhängigkeit im (jungen) Erwachsenenalter. Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien zeigen häufig eine erhöhte Toleranz gegenüber Alkohol, d.h. sie müssen mehr Alkohol konsumieren, um dieselbe Wirkung zu erzielen wie Jugendliche aus nicht-alkoholbelasteten Familien. Häufig verspüren Jugendliche aus alkoholbelasteten Familien nach dem Konsum von Alkohol auch einen stärker stressdämpfenden Effekt als andere Gleichaltrige.
 

Perspektive des alkoholspezifischen Umfelds

Diese Perspektive legt nahe, dass die Ursache dafür, dass Kinder aus alkoholbelasteten Familien Probleme entwickeln, in einem spezifischen verhaltensmodellierenden Effekt liegt. Dabei dient der Elternteil mit Alkoholproblem als Modell für bestimmte Verhaltensweisen, z.B. Alkoholkonsum als Problembewältigungsstrategie oder Alkoholkonsum zur Stressbewältigung, die sie im Laufe der Zeit übernehmen. Kinder erlernen unangemessene oder kontraproduktive Verhaltensweisen im Sinne des Modelllernens.
 

Perspektive des allgemeinen Umfelds

Der Perspektive des allgemeinen Umfelds zufolge sind Beziehungen innerhalb von Familien, in denen ein oder beide Elternteile Alkoholprobleme haben, häufig gestört und durch ein hohes Ausmaß an Disharmonie und Konflikten gekennzeichnet. Dieser Perspektive folgend führt die generelle Disharmonie in der Familie zu negativen Auswirkungen auf die Kinder, sowohl im Kindes- als auch eventuell im Erwachsenenalter. Diese negativen Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder unterscheiden sich nicht von den negativen Auswirkungen in disharmonischen Familien, in denen keine Alkoholprobleme bestehen. Sie sind folglich nicht alkoholspezifisch.